Blühendes Band gegen den Insektenschwund

Landwirte diskutieren in Herford Maßnahmen zum Erhalt der biologischen Vielfalt

Kreis Herford. Wissenschaftler verzeichnen aktuell einen dramatischen Rückgang zahlreicher Insektenarten. Mit den Ursachen, Auswirkungen und möglichen Gegenmaßnahmen beschäftigte sich das diesjährige Landwirte-Frühstück in der voll besetzten Event-Scheune des Herforder Hofs von Laer. 80 Gäste waren der gemeinsamen Einladung von Volksbank Bad Oeynhausen-Herford und Landwirtschaftsverband gefolgt und lauschten interessiert den Ausführungen des eigens aus Niedersachsen angereisten Gastreferenten.
Mit dem Biologie-Professor Dr. Herbert Zucchi von der Hochschule Osnabrück hatten die Veranstalter einen ausgewiesenen Fachmann gewinnen können, der in einem unterhaltsamen Vortrag die Wichtigkeit der Insekten für das natürliche Gleichgewicht auf der Erde erläuterte. So fungieren diese in der Natur als Nahrung für viele Tierarten und sorgen auch für den Abbau organischer Substanzen. Und sie sind Bestäuber von 70 bis 80 Prozent der Wild- und Kulturpflanzen. Den Wert der durch diese „Dienstleistung“ erzeugt wird, beziffern Experten auf jährlich weltweit 577 Milliarden Dollar. „Insekten haben also nicht nur eine ökologische sondern auch eine ökonomische Wichtigkeit“, so Zucchi.
Der Schwund an Insektenarten sei jedoch leider nicht wegzudiskutieren. Man gehe von einem Rückgang der Wildbienenarten um etwa 60 Prozent aus. Auch 55 Prozent der Käferarten seien bereits verschwunden oder gefährdet. Man erkenne das im Alltag zum Beispiel an wesentlich weniger verschmutzten Windschutzscheiben nach längeren Autofahrten. Untersuchungen mit Fluginsekten, die 1989 noch 1,4 Kilogramm Insekten pro Falle hervorbrachten, brachten 2013 nur noch 300 Gramm hervor. „Ein extremer Schwund an Biomasse“, stellte der Professor fest.
Auf den Feldern eingesetzter Pflanzenschutz und Dünger hätten natürlich einen Einfluss auf die Tierwelt. Die Ursachen allein bei den Landwirten zu suchen, sei aber falsch. „Wir wissen nicht, wie viel Prozent welcher Faktor ausmacht“, erklärte der 69-jährige. Einen großen Einfluss auf die biologische Vielfalt habe auch der Verlust von Lebensräumen durch den Flächenfraß von immer noch rund 60 Hektar pro Tag in Deutschland. Die Verinselung naturnaher Flächen, Versiegelung durch Straßen oder naturferne Schottergärten, aber auch unzählige Lichtquellen, die Insekten verwirren, täten ihr Übriges, so der Experte. Den anwesenden Landwirten riet er, Hecken, Feldgehölze und Gräben zu erhalten, Grün- und Pufferstreifen oder auch selbstbegrünende Brachen anzulegen. Weidehaltung von Tieren helfe zudem vielen Wildbienenarten, ihre Gänge in den aufgelockerten Boden zu graben.
Die Hinweise nahm Werner Weingarz von der Landwirtschaftskammer NRW dankend auf. Natürlich bewege man sich als Landwirt immer im Spannungsfeld zwischen Wirtschaftlichkeit und dem Anspruch an den Erhalt der biologischen Vielfalt, der man auch moralisch verpflichtet sei. Von den 21.300 Hektar Ackerfläche im Kreis Herford seien schon 5,75 Prozent ausgewiesene ökologische Vorrangflächen. Auf weiteren 17 Prozent würden bereits zahlreiche der angesprochenen Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen (AUKM) umgesetzt. „Das heißt: Über 20 Prozent unserer Flächen haben bereits einen ökologischen Fußabdruck“, so Weingarz. „Die Landwirte machen ihre Hausaufgaben und brauchen sich nicht verstecken.“
Hinzu kommen neue Projekte für den Erhalt der ökologischen Vielfalt vor Ort, auf die Hermann Dedert, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Herford-Bielefeld, hinwies. So seien mit Unterstützung der Stiftung der Volksbank Bad Oeynhausen-Herford schon 60 Vogelschutzpakete im Rahmen des Projektes „Mehr Platz für den Piepmatz“ an engagierte Bürger herausgegeben worden. Zudem stelle der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband seinen Mitgliedern im Projekt „Blühendes Band durch Bauernhand“ über die Geschäftsstelle in Elverdissen kostenlos Saatmischungen für die Anlage von Blüh- und Bejagungsschneisen zur Verfügung. „Wir sind auf einem guten Weg“, resümierte Detert. Wichtig sei dabei, mit Experten und verschiedenen Interessengruppen weiter im Austausch zu bleiben.

Der Osnabrücker Biologie-Professor und Insektenexperte Dr. Herbert Zucchi (3. von links) hielt beim Landwirte-Frühstück in Herford vor 80 Gästen einen interessanten Vortrag. Eingeladen hatten (von links) Andreas Kämmerling (Volksbank Bad Oeynhausen-Herford), Hermann Dedert (Westfälisch-Lippischer Landwirtschaftsverband, Kreisverband Herford-Bielefeld) und Werner Weingarz (Landwirtschaftskammer NRW).