Interview mit Vorstandssprecher Andreas Kämmerling zu Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine

Angesichts des Kriegs in der Ukraine machen sich viele Menschen Sorgen um die finanziellen Auswirkungen auch bei uns vor Ort. Wir haben mit Andreas Kämmerling, Vorstandssprecher der Volksbank Herford-Mindener Land, über die aktuelle Situation gesprochen.

Andreas Kämmerling, Vorstandssprecher der Volksbank Herford-Mindener Land eG
Andreas Kämmerling, Vorstandssprecher der Volksbank Herford-Mindener Land eG

Inwieweit ist Ihre Bank vom Krieg in der Ukraine betroffen? Gibt es Auswirkungen für Privatkunden?

Andreas Kämmerling: Als regionale Volksbank mit einem im positivsten Sinne konservativen Geschäftsmodell sind wir natürlich vor allem in unserem Geschäftsgebiet engagiert. Wir unterhalten keine direkten Geschäftsbeziehungen nach Russland, sodass wir von den Auswirkungen der aktuellen Sanktionen nicht unmittelbar betroffen sind. Allerdings kann es bei Kundinnen und Kunden, die sich derzeit in einem der beteiligten Länder befinden, zu Problemen bei Kartenzahlungen oder der Auszahlung von Geld an Automaten russischer Banken kommen. Für unseren Fondspartner Union Investment wurde wie für andere Fondsgesellschaften auch der Zugang zu den Werten an der russischen Börse stark eingeschränkt, sodass unter anderem der Handel eines Fondsproduktes mit dem Schwerpunkt Osteuropa vorübergehend ausgesetzt werden musste. Der Krieg in der Ukraine hat natürlich auch Einfluss auf die Aktienkurse. Die Auswirkungen sind also durchaus spürbar und wir erleben es ja aktuell an den Börsen.

Sehen Sie Probleme auf unsere heimischen Unternehmen zukommen?

Kämmerling: Der Handel mit Russland und der Ukraine ist merklich belastet, wenngleich die Bedeutung dieser Länder als Handelspartner für unsere gesamte Wirtschaft überschaubar ist. Hinzu kommt, dass ab dem 12. März sieben große russische Banken vom Swift-Zahlungsverkehr ausgeschlossen sind. Die Krise wirkt sich aber auf anderen Wegen aus. Die Gespräche, die wir mit unseren Firmenkunden führen, zeigen: Gerade die steigenden Energiepreise belasten die Unternehmen zusätzlich zu den bestehenden Herausforderungen wie dem Fachkräftemangel oder Materialengpässen. Allerdings hat unsere robuste ostwestfälische Wirtschaft in der jüngeren Vergangenheit gezeigt, dass sie mit Krisen umgehen kann. Ich sehe auch Chancen, zuvor ins Ausland ausgelagerte Produktionen wieder nach Deutschland zu holen. Darüber hinaus glaube ich, dass in Zukunft trotz zunehmender wirtschaftlicher Unsicherheit weiter in Themenfelder wie Digitalisierung, Automatisierung und Nachhaltigkeit investiert wird. Gerade der Ausbau erneuerbarer Energien nimmt angesichts der steigenden Öl- und Gaspreise nochmal an Wichtigkeit zu. Dabei setzen wir auch auf die Bundesregierung, die versprochen hat, hier noch deutlichere Anreize zu setzen. Die aktuelle Entwicklung hat auch Auswirkungen auf den Agrarsektor und die damit verbundene Lebensmittelbranche. Experten rechnen mit steigenden Preisen bei Futtermitteln, Betriebsmitteln und Dünger. Vielen ist nicht bewusst, dass allein die Exportmenge an Weizen der Ukraine und Russlands mehr als ein Viertel der Weltexportmenge umfasst. Durch den Konflikt steigen derzeit die Getreidepreise wie auch viele andere Rohstoffpreise weltweit an. Das wirkt sich somit auch auf die Preise vieler Lebensmittel aus.

Was ist SWIFT und was bedeutet der Ausschluss russischer Banken aus dem Abkommen?

Die belgische Genossenschaft „Society für Worldwide Interbank Financial Telecommunication“ (SWIFT) stellt die technische Infrastruktur zur Verfügung, mit der zwischen 11.000 Banken, Brokerhäusern, Börsen und anderen Finanzinstituten international bargeldlose Transaktionen durchgeführt werden. Durch den Ausschluss bestimmter sanktionierter russischer Banken aus diesem Abkommen, werden diese faktisch von den internationalen Finanzströmen ausgeschlossen. Unsere genossenschaftliche Zentralbank, die DZ BANK, führt unabhängig davon derzeit keine Zahlungen mehr nach Russland und Belarus aus. Grundsätzlich ist aktuell auch kein Austausch von Zahlungsdokumenten wie Akkreditiven, Zahlungsbürgschaften und -garantien mit diesen Ländern möglich. Ohne diese wichtigen Unterlagen ist kein verlässlicher Handel und keine Außenhandelsfinanzierung mehr sichergestellt.

Müssen sich Anleger Sorgen um ihre Ersparnisse machen?

Kämmerling: Zunächst einmal sind die Einlagen von Bankkundinnen und -kunden auf Giro- und Sparkonten durch die nationalen Einlagensicherungssysteme in der EU und die zusätzliche Einlagensicherung der Volks- und Raiffeisenbanken geschützt. Allerdings sind die weiterhin historisch niedrigen Zinsen in Verbindung mit der hohen Inflation für uns alle eine Herausforderung, da das Ersparte so immer weiter an Wert verliert. Wir können derzeit noch nicht absehen, wann die Zinsen wieder steigen. Es ist längst an der Zeit, dass die Europäische Zentralbank ihre Zinspolitik ändert.

In der Vergangenheit wurde immer auf Aktien und andere Wertpapiere als lohnende Alternative für Anleger verwiesen. Dabei sind die Aktienmärkte derzeit alles andere als stabil…

Kämmerling: Natürlich sind die Finanzmärkte gerade in Krisenzeiten von einer hohen Volatilität geprägt. Eine Anlagestrategie sollte daher immer auf die persönliche Situation angepasst und auf mehrere Jahre ausgelegt sein. So können Kursschwankungen auf lange Sicht ausgeglichen werden. Viele Kundinnen und Kunden nutzen inzwischen Fondssparpläne und profitieren damit auch von Marktschwankungen. Generell gilt, dass ein sukzessiver Einstieg sinnvoll ist. Der Bedarf an persönlicher Beratung durch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist in solchen volatilen Zeiten deutlich höher als normal. Angst ist selten ein guter Ratgeber.

Wie steht es um alternative Anlageformen wie Kryptowährungen oder Gold?

Kämmerling: Gerade Investitionen in Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ether sind hoch spekulativ. Die Bankenaufsicht (Bafin) warnt zurecht davor, dass es hierbei auch zu einem Totalverlust des eingesetzten Geldes kommen kann. Das "sichere, schnelle Geld" gibt es hier nicht. Man sollte außerdem gerade im Hinblick auf Online-Handelsplattformen mit hohen Renditeversprechungen aufpassen, dass man nicht Betrügern auf den Leim geht. Gold kann eine sinnvolle Beimischung zum Anlagevermögen sein. Es verliert niemals seinen gesamten Wert, da das Edelmetall auch als Rohstoff verwendet werden kann, also einen echten Gegenwert hat. Allerdings ist auch der Goldkurs starken Schwankungen unterworfen.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie in die nahe Zukunft?

Kämmerling: Wir leben in bewegten, unberechenbaren Zeiten. Unsere Gedanken sind bei der Bevölkerung in der Ukraine. Wir reden hier über einen Krieg in Europa, das war vor Kurzem noch undenkbar. Ich persönlich hoffe, dass die Kampfhandlungen ein schnelles Ende finden. Die weiteren Entwicklungen und Auswirkungen dieser Krise sind aber schwer abzuschätzen. Es bleibt die Hoffnung, dass die wirtschaftlichen Sanktionen gegen Russland schnell Wirkung zeigen und die Eskalationsspirale so gestoppt werden kann.